Psychische Gesundheit
Frauen und psychische Gesundheit
Psychische Erkrankungen, wie Depressionen, Angststörungen, affektive Psychosen und funktionelle Störungen werden bei Frauen häufiger diagnostiziert als bei Männern. Hinter diesen geschlechtsspezifischen Unterschieden verbergen sich jedoch sehr häufig krankmachende Lebenszusammenhänge von Frauen. Diese manifestieren sich einerseits in der Festlegung auf traditionelle Frauenrollen, andererseits in Doppel- und Mehrfachbelastungen durch Beruf, Kindererziehung, Haushalt, Partnerschaft, Pflege von Familienangehörigen. Frauen mit schlechteren Bildungs- und ökonomischen Voraussetzungen sind davon besonders betroffen, ebenso alleinerziehende Mütter sowie Migrantinnen.
Diese Überforderungen äußern sich einerseits in psychischen (Erschöpfungs-) Symptomen, anderseits besteht die Tendenz von Seiten der Medizin, die gleichen Symptome unterschiedlich zu diagnostizieren und zu therapieren: bei Männern eher somatisch, bei Frauen psychisch bzw. psychosomatisch. In weiterer Folge bekommen Frauen bis zu zweimal häufiger als Männer Beruhigungs- und Schlafmittel, Antidepressiva und Neuroleptika, Schmerzmittel sowie Medikamente zur Gewichtsreduktion verordnet.
Die gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit für psychische Gesundheit ist eine Entwicklung in die richtige Richtung, allerdings muss darauf geachtet werden, dass strukturelle Überforderungen von Frauen nicht zu individuellen Diagnosezuschreibungen führen.
Die unterschiedlichen Lebenszusammenhänge von Frauen und Männern erfordern sowohl bei medizinischer als auch psychologischer Diagnosestellung und Behandlung eine frauenspezifische Betrachtung. Damit im Zusammenhang steht die Forderung nach kostenloser frauenspezifischer psychologischer Begleitung bzw. Psychotherapie. Zentrale Prinzipien sind dabei die Förderung der Autonomie und Selbstbestimmung von Frauen, Empowerment, Ressourcenorientierung und Parteilichkeit.